Ich habe vor, an Hand von Konzepten wie Wirtschaftswachstum und dynamische Steigerungslogik, Formen von Institutionen, Deregulation und ihre Folgen sowie von menschlichen Grundbedürfnissen die historische Entwicklung des ‚Wittinger Ländchen‘ zu erörtern, um anschließend auf moderne Veränderungsprozesse einzugehen.
Wirtschaftswachstum und dynamische Steigerungslogik
Nach Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena, stabilisiert sich die moderne Gesellschaft „durch den Zwang, zu wachsen, schneller zu werden und veränderungsfähig zu sein, […]“ (Rosa 2023, S. 677). Wobei ausbleibende Steigerung die Stabilität der Gesellschaft insgesamt beeinträchtigt: „Ganz gleich, wie erfolgreich wir in diesem Jahr individuell und kollektiv gelebt, gearbeitet und gewirtschaftet, im nächsten Jahr müssen wir noch ein wenig schneller, effizienter, innovativer und besser werden, um unseren Platz in der Welt zu halten […]“ (Rosa, ebd.). Der Erfolg von heute verlangt gemäß der dynamischen Steigerungslogik den noch größeren Erfolg von Morgen, d.h. Erfolge, die nicht zu weiteren Erfolgen führen, sind Niederlagen. So können nicht nur wirtschaftliche Fehlentscheidungen bei Firmen zu Krisen führen, sondern auch die ausbleibende Steigerung des Erfolgs von gestern. Daraus müsste sich eigentlich die Einsicht ergeben, dass ständige dynamische Steigerung in Wachstum, Beschleunigung sowie Innovation Schäden verursachen können. Ohne diese Einsicht bleiben auch notwendige Veränderungen aus. Kleinere Wirtschaftsunternehmen mit temporären Engpässen könnten an der Steigerungsdynamik unversehens scheitern, obwohl sie langfristig überlebensfähig wären. Sie erhalten in der Regel keine öffentliche Unterstützung, um ihre Existenz zu gewährleisten. Aber es gibt ebenfalls Krisen bei privatwirtschaftlichen Großunternehmen (z.B. Banken, Automobilindustrie). Wenn diese systemrelevant sind, gewährt ihnen die Politik durchweg Unterstützung aus öffentlichen Mitteln, um negative Folgen wie Arbeitsplatzverluste, Kapitalunsicherheit etc. aufzufangen. Hier sichern die von der öffentlichen Hand gewährten Privilegien den Bestand. Damit fehlen Anreize für unternehmenseigene bestandssichernde Veränderungen.
Deregulierung und ihre Folgen
Deregulierung ist seit ca. 1970 ein wichtiges Thema in der allgemeinen und wirtschaftlichen Entwicklung. Verstanden wird darunter der Abbau staatlicher Marktregulierung mit dem. Ziel der Steigerung von Innovation, Investition, Effizienz sowie die Entlastung öffentlicher Haushalte (https://de.wikipedia.org/wiki/Deregulierung). Die Wirksamkeit der Deregulierung wird unterschiedlich beurteilt. Bei staatlicher Überregulierung wird sie eher positiv gesehen. Bei Finanzmärkten wird sie als krisenverschärfend beurteilt. Im Anschluss an Michael Hudson, US-Wirtschaftswissenschaftler und Finanzanalyst, stellt Andrew Sayer, Emeritus Professor of Social Theory und Political Economy der Universität von Lancaster UK, allerdings fest (Sayer 2017, S. 310f), dass die Deregulierung nur den großen Akteuren genützt hätte (ebd.).
Ist das richtig, so fördert die Deregulierung einseitig große Akteure zu Ungunsten anderer Beteiligten. In Kauf genommen wird, dass sie aus dem ‚Rennen‘ gehen müssen, weil sie auf Grund ihrer kleineren Ressourcen nicht mehr mithalten können. Die durch Deregulierung getriggerte Entwicklung kommt damit der Situation des ‚Überleben des Stärksten‘ immer näher.
Rainer Mühlhoff, Professor für Ethik und kritische Theorien der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück, sieht in diesem Vorgang eine potentielle Gefahr für die demokratische Gesellschaftsordnung. Natürlich gab es auch früher schon Wirtschaftsakteure mit Macht und großem Einfluss. Doch die ‚Gewinner‘ der derzeitigen Abläufe können sich zu überstaatlichen, übermächtigen Akteuren entwickeln. Bei einigen Tech-Milliardären ist das wahrscheinlich schon jetzt der Fall. Sie sind stark genug, ihre sozio-ökonomische Macht bis zur Unkontrollierbarkeit zu steigern. In diesem Fall werden Optionen wie Willkür, Korruption, reale oder symbolische Gewaltausübung, Missachtung von Grundbedürfnissen, Rechtsstaatlichkeit, Gleichheit vor dem Gesetzt, Gewaltenteilung sowie die Nutzung neuester Technologien, wie Künstlicher Intelligenz, für extrem partikularistische Ziele immer realistischer. Im Zusammenhang mit diesem Entwicklungsprozess stellt er fest: „[…] sie bewirkt eine massive Machtverschiebung weg von demokratischen Institutionen hin zu privatwirtschaftlichen Akteuren“ (Mühlhoff 2025, S. 67). Anwendungen von Künstlicher Intelligenz steigern seiner Auffassung nach bereits heute schwerwiegende Probleme: „[…]sei es strukturelle Diskriminierung, Verstärkung sozialer Ungleichheit, Ausbau globaler Überwachung, Aushöhlung der Privatsphäre, algorithmische Verzerrung demokratischer Öffentlichkeiten und manipulative Eingriffe in politische Prozesse der Meinungsbildung“ (ebd., S. 68).
Inklusive und extrative Institutionen
Hinsichtlich der Wirtschaftsformen unterscheidet Daron Acemoglu, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaft von 2024, zwischen inklusiven und extraktiven Institutionen. (Acemoglu 2024, S. 14ff). „Inklusive Wirtschaftsinstitutionen […] schaffen attraktive Bedingungen für die große Mehrheit, sich ins Wirtschaftsleben einzubringen und ihre Begabungen und Fähigkeiten optimal einzusetzen […] (ebd., S. 105f). Dazu gehört als Rahmenbedingung z.B. Sicherheit für die Person sowie für das private Eigentum, ein neutrales Rechtssystem und öffentliche Dienstleistungen. Extraktive Wirtschaftsinstitutionen wollen aus den von ihnen geschaffenen Verhältnissen eigenen Vorteile erzielen. Sie dienen dem Zweck, „einem Teil der Gesellschaft Einkommen und Wohlstand zugunsten eines anderen zu entziehen.“ (ebd., S. 108) Das kann durch eine parteiische Justiz, ungleichen Zugang zu Bildungschancen, Begünstigung spezieller Anbieter, Diskriminierung/Rassismus oder Willkür/Korruption etc. geschehen. Die extraktiven wirtschaftlichen Institutionen werden dabei unterstützt durch entsprechende politische Organe. Es gibt eine „symbiotische Beziehung zwischen politischen Absolutismus und Wirtschaftsinstitutionen, die wenige auf Kosten der Viele mit Macht und Reichtum ausstatten“ (ebd., S. 125).
Menschliche Grundbedürfnisse
Als menschliche Grundbedürfnisse nennt der Kinderarzt, Abteilungsleiter an der Universitäts-Kinderklinik Zürich und Sachbuchautor, Remo H. Largo (1943-2020) folgende Sachverhalte:
- Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse
- Geborgenheit
- Soziale Anerkennung
- Entfaltung eigener Begabungen
- Leistungsmöglichkeiten entsprechend unseren Fähigkeiten
- Existenzielle Sicherheit in Form von geregeltem Einkommen, Sicherheit von Person und Eigentum (Largo 2019, S. 23)
Gute Voraussetzungen für die Erfüllung dieser Bedürfnisse sind übersichtliche Arbeits- und Lebensverhältnisse und ein Entwicklungsfortschritt, der mit ökonomischen Erfolgen auch soziale Nähe und gesellschaftliche Verbundenheit einschließt. Wo das fehlt als Summe der Veränderungen, könnten folgenreiche Verlusterfahrungen entstehen (vgl. Reckwitz 2024, aus denen sich Wut auf die tatsächlichen Verursacher dieser Situation entwickelt. Der Wunsch nach gesellschaftlichem Zusammenhalt, lösungsorientierten Handlungen, Sicherheit, Zugehörigkeit sowie Akzeptanz etc. lässt sich so nicht befriedigen.
Das ‚Wittinger Ländchen‘ und die sozio-ökonomische Entwicklung um 1900
Die Trias von Wachsen, Beschleunigen sowie Innovation muss nicht zwingend in negativen Zusammenhängen für die Wirtschafts- und Sozialordnung stehen. Sie kann sich auch zu einer regionalen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung entwickeln, die zu positiven sozio-ökonomischen Veränderungen führt. Aus ihnen können längerfristig Strukturen entstehen, die sich nicht durch fortwährende dynamische Steigerung stabilisieren müssen. Ihr Zielpunkt ist dann die Bestandswahrung des Vorhandenen. Entwicklungsfortschritte um 1900 und ihre Folgen in einer begrenzten, kleinen Region, dem ‚Wittinger Ländchen‘, können das belegen.
Das ‚Wittinger Ländchen‘ ist eine durch die topographische Situation begrenzte Region. Die Region war im Süden durch ausgedehnte Moore unzugänglich. Im Norden erschwerte der lang west-östlich ausgestreckte Stöckener Teich den Zugang. Die Flüsschen Ise und Ohre trennen im Westen sowie im Osten die Region vom Umland. Beide Flussläufe markierten zugleich mittelalterliche Grenzen der Bistümer Hildesheim und Verden. Wittingen selbst gehörte zum Bistum Halberstadt und war bis 1340/50 Teil der Mark Brandenburg. Anschließend wurde es Bestandteil des Fürstentums Lüneburg/Königreichs Hannovers bzw. nach 1866 Provinz Hannover im Königreich Preußen. Bis um 1900 war es eine abgeschlossene regionale Einheit. Heute ist es Teil des Landes Niedersachsen.
Das ‚Wittinger Ländchen‘ war und ist eine landwirtschaftlich geprägte Region. Die Stadt selbst dominierten die verschiedenen Handwerkszweige, insbesondere die Schuhmacher mit ihrer großen Innung. Aber auch im Ort selbst gab es große landwirtschaftliche Betriebe in Form von drei Rittergütern und einem Sattelhof. Der Sattelhof ist seit 1543 in der Bewirtschaftung durch die Familie Hof-Schultze. Zwei Rittergüter, die Rittergüter II und III, bewirtschaftete die Fam. v. d. Knesebeck. Sie sind Mitte des 19. Jahrhunderts an Wittinger Bürger verkauft worden. Das größte Rittergut war das Rittergut I. Nachdem es wechselnde Besitzer hatte, gehörte es zuletzt den Freiherren von dem Knesebeck-Mylendonc, eines Zweiges der Familie v. d. Knesebeck. Die Freiherrenfamilie lebte in Tylsen/Altmark, wo sie ein Schloss mit zugehörigem Rittergut besaßen. Ihr Rittergut mit Herrenhaus in Wittingen bewirtschaftete als Pachtbetrieb bis 1918 die Familie Dobberkau. Nachdem der Sohn des Pächters gleich zu Beginn der 1. Weltkrieges gefallen war, wurde auch dieses Rittergut verkauft. Für das ‚Wittinger Ländchen‘ war eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen der Entwicklungsfortschritte um 1900 der Verkauf des ‚feudalen‘ Landbesitzes an die ortsansässigen Bürger und die daraus folgende Einflusslosigkeit bzw. das Desinteresse der ehemaligen Grundherren. Da sie nicht mehr im Ort wohnten, waren für sie eventuelle Verluste von Status oder Privilegien durch ökonomische Veränderungsprozesse bedeutungslos. So konnte relativ konfliktfrei extraktive in inklusive Institutionen umgewandelt werden. Ohnehin hatte sich seit Mitte des 19. Jh. kein Mitglied der Fam. v. d. Knesebeck dauerhaft in der Stadt aufgehalten.
Mit dem Übergang des ‚feudalen‘ Landbesitzes in bürgerliche Hände änderten sich die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Ortes. Da sich auch der Sitz des Amtmannes als Vertreters des Herzogs als Landesherren seit Jahrhunderten im benachbarten Knesebeck befand, fehlte hier ebenfalls eine stadtansässige Obrigkeit, die im direkten Zugriff ihre Privilegien verteidigen konnte. Der Ort selbst besaß im Königreich Hannover eine Magistratsverfassung, die dem Bürgermeister und den beigeordneten Senatoren eine gewisse Eigenständigkeit erlaubte. Auch die jetzt wirtschaftlich prägenden Handwerker nutzten ihre offiziellen und informellen Möglichkeiten zu selbstständigem Handeln. Das schlägt sich nieder in der Benennung: „Schusterrepublik Wittingen (plattdeutsch: Schausterepublik Witten)“. Das dürfte leicht ironisch gefärbt sein, beschreibt aber den Kern der Situation vor Ort. Die sozio-ökonomischen extrativen, auf wenige begrenzten, Privilegien der Rittergutsbesitzer endeten und die inklusiven, viele einbeziehenden, wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten der übrigen Stadtbewohner wuchsen.
Dieser Schusterrepublik gelang es um 1900 eine Vielzahl von Veränderungen auf den Weg zu bringen in Verbindung mit überregionalen Akteuren. Sie reagierte, anders als die privilegienwahrende ‚feudale‘ Obrigkeit auf sich verändernde Situationen. Zu nennen ist:
Reichweitenvergrößerung der Verkehrsinfrastruktur (Eisenbahn/Straßen)
Um 1900 war Wittingen ein Eisenbahnknotenpunkt, an dem sich vier unterschiedliche Eisenbahnlinien kreuzten: Reichbahn Braunschweig-Uelzen über Wittingen, Lachtetalbahn Celle-Wittingen, Ohretalbahn Wittingen-Oebisfelde, Altmärkische Bahn Beetzendorf-Wittingen. Außerdem wurden die Straßenverbindungen in großem Umfang in den Orten selbst und durch
befestigte Landstraßen ausgebaut, auf denen die benachbarten Städte leichter erreichbar wurden (Blomberg 2025, S. 195ff).
Innovationen in der Landwirtschaft
Etwa zeitgleich verbesserten sich durch eine Reihe von Innovationen die Produktionsbedingungen in den landwirtschaftlichen Betrieben. Aus einer Landwirtschaft, die bisher bestenfalls ihren eigenen Bedarf erwirtschafteten konnte, entwickelte sich eine Landwirtschaft mit Überschussprodukten, die durch die erweiterte Verkehrsinfrastruktur in die Städte zum Verkauf transportiert werden konnte. Das vermehrte das Einkommen der landwirtschaftlichen Betriebe, die sich an diesen Veränderungen beteiligten (Blomberg 2025, S. 44 ff). Die unterbäuerlichen Schichten profitierten indes weniger davon. Sie wurden in der Regel an den Gewinnen, etwa durch bessere Entgelte, nicht beteiligt. Daher suchten sie z.T. in Industriebetrieben bessere Verdienstmöglichkeiten. In der Stadt selbst kamen die positiven sozialen und wirtschaftlichen Fortschritte insbesondere der kleinbürgerlich/bürgerlichen Mittelschicht zu Gute. Ungelernten Arbeiter sowie die Handwerksgesellen profitierten davon weniger.
Entwicklungsfortschritte in weiteren Bereichen
Die neuen wirtschaftlich-sozialen Möglichkeiten um 1900 führten zu nachhaltigem Wachstum in folgenden Bereichen (Blomberg 2025, S. 201ff):
- Fabrikneugründungen o.ä.: Salmiakfabrik, mehrere Ziegeleien, zwei Zimmerplätze, Molkerei, mehrere Kartoffelstärkefabriken, Kartoffelflockenfabriken, Druckerei mit Tageszeitung, Darre/Klenganstalt, städtisches Gaswerk, eigenes E-Werk, eigene Wasser- und Abwasserversorgung, Maschinenfabrik Kaiser, Standortwechsel Brauerei, Viehverwertungsgenossenschaft mit Viehhalle, Eierverwertungs-genossenschaft, Abdeckerei
- Finanzwirtschaft: Spar-, Leih-, und Vorschusskasse (aufgegangen in die Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg), Genossenschaftsbank (aufgegangen in die Volksbank Südheide-Isenhagener-Land-Altmark).
- Bildungsbereich: landwirtschaftliche Winterschule, neue Volks- und Mittelschule als einzige weiterführende Schule im Landkreis Isenhagen
- Sozialbereich und Kirchen: Krankenpflegeverein, Neugründung einer Vielzahl von Vereinen, zahlreiche Neu- und Umbauprojekte im kirchlichen Bereich. Diese umfassenden Ergebnisse von Innovation, Beschleunigung
und Entwicklung hatten jahrzehntelangen Bestand. Sie verschafften der Stadt einen Funktions- und Bedeutungsgewinn, der erst mit den Entwicklungsprozessen nach 1960/70 wieder verlorengegangen ist. Gravierende Einschnitte waren ohne Zweifel der 1. Weltkrieg mit dem Ende der Monarchie, der Untergang der Weimarer Republik mit der sich anschließenden NS-Gewaltherrschaft einschließlich des verlorenen 2. Weltkrieges mit seinen negativen Folgen für den Bestand Deutschlands und der Region (Zonengrenze bzw. Grenze der DDR). Natürlich gab es dadurch im persönlichen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich große, schmerzhafte oft traumatische Einschnitte. Doch die neuen Strukturen der Region aus der Zeit um 1900, die sich auf mittelständisches Handwerk, Gewerbe sowie Landwirtschaft gründeten, ließen sich reorganisieren bzw. blieben erhalten. Mit dem Wittinger Krankenhaus als zivile Weiterentwicklung eines Wehrmachtslazaretts und der Neugründung des Gymnasiums in Hankensbüttel als Ergebnis einer Initiative heimatvertriebener Gymnasiallehrer entstanden nach Ende des 2. Weltkrieges sogar neue Institutionen, die sich in die gegebenen Rahmenbedingungen einpassten bzw. sie ergänzten. Inwiefern die Zonenrandförderung in der Form von Gewährung vergünstigter Kredite größeren Einfluss auf die Stabilität der Situation im ‚Wittinger Ländchen‘ hatte, ist nicht bekannt.
Wittingen blieb über Jahrzehnte in einer landwirtschaftlich strukturierten Region eine zentrale Gewerbe- und Handwerkerstadt mit einer Vielzahl Geschäften, Betrieben, Behörden und Institutionen die gleichbleibend mit ihren Dienstleistungen, Artikeln und Erzeugnissen relativ unverändert elementare sowie z.T. auch gehobenen Verbraucherwünsche und Einwohnerbedürfnisse abdeckte (Blomberg 2024, S. 207/208).
Die sozio-ökonomische Entwicklung nach 1960/70
Diese Situation hat sich inzwischen verändert. Die Stadt hat zwar noch eine Reihe von Einrichtungen mit gewissen zentralen Funktionen. Doch ein Kipp-Punkt lässt sich in den neuen außengesteuerten Entwicklungen der Zeit ab 1960/70 ausmachen. Bei weiter prosperierenden Einzelbereichen ist eine Vielzahl von Betrieben, Geschäften, Behörden und Institutionen abgewandert, bzw. sie sind in größeren Einheiten aufgegangen oder existieren nur noch im Miniformat weiter wie die Bahn und die Post. Das gilt auch für wichtige regionale Organisationen wie Banken, Krankenhaus, Krankenkassen, Vertretungsorganisationen des Handwerkes, Elektrizitäts-, Gas-, Wasser- sowie Abwasserentsorgung etc. Natürlich gibt es diese Institutionen weiterhin, aber nicht mehr vor Ort. Die zugehörigen Stabsstellen sind in die neuen Hauptsitze abgezogen worden, die in den nächstgrößeren Städten liegen. Diese Entwicklung ist verbunden mit dem Verlust einer großen Anzahl von relativ gut dotierten Arbeitsplätzen, von leitungserfahrenen Mitarbeitern/innen, sachkundigen Entscheidungsträger/innen in Handel, Gewerbe sowie Organisationen einschließlich der Kompetenzen dieser Akteure. Insoweit diese Personen Repräsentanten wichtiger öffentlicher Werte wie Vertrauen, Zugehörigkeit, Umsicht, Wohlwollen, Zuverlässigkeit, Erreichbarkeit oder Akzeptanz waren, ist auch das beeinträchtigt worden.
Als letzte größere Organisation hat sich 2013 die ev.-luth. Landeskirche Hannovers zurückgezogen. Die ev.-luth. Superintendentur einschließlich Kirchenamt kam nach Wolfsburg bzw. Gifhorn. Die Anzahl der Pfarrämter halbierte sich. Und auch die für das kulturelle ländliche Leben wichtigen Lehrer haben ihre Wohnsitze heute nur noch selten vor Ort, da die Residenzpflicht entfallen ist. Die einzelnen Veränderungen können für die betreffenden Personen oder Institution durchaus sinnvoll und richtig sein, doch in der Summe stellen diese Formen der Entwicklung einen massiven regionalen Funktionsverlust dar. Wesentliche Elemente dieser negativen Veränderungen sind finanzielle sowie organisatorische Einsparungsgewinne einzelner Akteure durch Rationalisierungsmaßnahmen etc. zu Ungunsten der Versorgungswünsche sowie der Grundbedürfnisse der Menschen, die in der Region leben.
Für die hiesige Nahregion ist westlich zwischen Wittingen und Glüsingen ein neues Areal für Märkte und Gewerbe entstanden. Hier hat sich mit einem Bau- und Gartenmarkt ein Anbieter etabliert, der auch in der Altstadt mit einer breiten Produktpalette präsent ist. Doch andere gut frequentierte neu entstandene Märkte ‚vor der Stadt‘ haben die Funktionalität der Altstadt reduziert. Ein Beispiel dafür ist ein gut frequentierter Lebensmittelmarkt mit ausreichend Parkmöglichkeiten direkt in der Altstadt. Er wurde geschlossen zugunsten eines größeren Marktes am westlichen Stadtrand. Am südlichen Rand der Altstadt sind an der Knesebecker Straße zwar ebenfalls neue Märkte entstanden, doch auch sie gehören zu überregional agierenden Ketten, die primär an Gewinnen interessiert sind und für die regionale Bedürfnisse zweitrangig sind.
Allerdings gibt es auch gegenwärtig extraktive Entscheidungen, die einen kleineren Akteur zugunsten eines größeren benachteiligen. Das geschieht, wenn überregionale Akteure durch ihre Marktmacht über die Köpfe der regionalen Akteure Entscheidungen treffen können, die deren Interessen missachten. In Wittingen belegt das die Schließung eines Altstadtlebensmittelmarktes zugunsten eines größeren Stadtrandmarktes durch einen überörtlichen Marktführer. Die kommunalen Akteure der Stadt hatten der Entscheidung der überregionalen Lebensmittelkette nichts entgegenzusetzen, obwohl der Altstadtmarkt als Frequenzbringer eine wesentliche Funktion für den zentralen Ort der Einheitsgemeinde Wittingen hatte. Ein weiteres extraktives Beispiel ist der Verlust des Festplatzes für den Ort Wittingen. Dort fanden sehr gut besuchte Veranstaltungen statt, z.B. die Nordkreismesse (eine Verkaufsausstellung regionaler Firmen) oder der Bockbieranstich der örtlichen Brauerei. Hier mussten regionale Anbieter überregionalen Akteuren weichen, diesmal mit Zustimmung der örtlichen politischen Vertretungsorgane. Jetzt befindet sich dort ein Fastfood-Restaurant einer überregionalen Kette. Ein neuer Ort für den Festplatz ist bisher nicht ausgewiesen. Nordkreismesse und Bockbieranstich entfielen ersatzlos. Seit 1960/70 gibt es eine Vielzahl von Entscheidungen mit extraktiven Folgen für die Stadt Wittingen.
Für die Region bedeutet das, dass sich aus den vorhandenen inklusiven Institutionen tendenziell extraktive Formen entwickeln. Sie schließen Bürger von Entscheidungen aus und ignorieren ihre Grundbedürfnisse, Ideen und Talente zugunsten besserer Gewinnchancen überörtlicher Wirtschaftsakteure. Doch wenn Bürgerinteressen und -bedürfnisse übergangen werden, hat das langfristig einen negativen Einfluss auf Entwicklungsfortschritte sowie auf die gesellschaftliche Stabilität. Es läuft auf die Etablierung von Machteliten heraus, die ihre partikularen Interessen durchsetzen können und damit einer demokratischen Gesellschaft schaden. Hier treffen, überschneiden und ergänzen sich die Ergebnisse der Deregulation, der Steigerungsdynamik und der Folgen extraktiver Entscheidungen. Dabei werden menschliche Bedürfnisse bedenkenlos, aber nicht folgenlos, übergangen.
Über die örtliche wirtschaftliche Entwicklung heißt es zwar: „Die Kleinstadt Wittingen hat sich im bundesweiten Standortranking um 162 Plätze verbessert und belegt nun Rang 1163. Mit knapp 11.400 Einwohnern (Stand 31. Dezember 2025) und drei Top-Unternehmen vor Ort weist die Kommune eine bemerkenswerte Dichte an wirtschaftlicher Substanz auf. [… Wittingen] hat sich als attraktiver Wirtschaftsstandort positioniert. Mit 9,98 Punkten im DDW-Standortranking und rund 4500 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen übertrifft die Stadt die Erwartungen, die man an einen Ort dieser Größenordnung haben könnte.“ (Isenhagener Kreisblatt, 21.2.2026, Seite Wirtschaftskraft). Die drei Top-Unternehmen sind:
- Fa. Butting (Inhabergeführter international tätiger Betrieb/Edelstahlverarbeitung, im OT Knesebeck) 856,6 Mill. € Umsatz, 1980 Mitarbeitende
- Fa. Wiesensee (Inhabergeführter regionaler Betrieb/Baubereich, im OT Radenbeck) 43,2 Mill. € Umsatz (geschätzt),
- Privatbrauerei Wittingen (Inhabergeführter überregionaler Betrieb/Getränkebereich, im OT Wittingen) 27,25 Mill. € Umsatz (geschätzt) (ebd.)
Damit gibt es namhafte Gewerbesteuerzahler im Stadtbereich und zusätzlich zu den auswärtigen Arbeitsplätzen z.B. bei VW und seinen Zulieferern interessante regionale Arbeitgeber.
Ein bedeutsamer Hoffnungsträger ist auch der Wittinger Hafen des 1974 erbauten Elbeseitenkanals (Isenhagener Kreisblatt 9.4.2026). Umgeschlagen werden hier Massen- und Stückgüter von im Gewerbegebiet am Hafen angesiedelten Firmen. Auch für weitere Industriebetriebe etc. wird umfangreich attraktives, verkehrsgünstig gelegenes Gelände vorgehalten, das derzeit aber durch mangelndes Interesse ungenutzt ist. So gibt es sowohl Zukunftsperspektiven wie auch erfolgreiche wirtschaftliche Akteure, aber auch das kann die oben beschriebenen Verluste von wichtigen städtischen Institutionen und Akteure ab 1970 nicht auffangen. Mit der Fa. Neef-Stumme ist außerdem auch eine für die Stadt bedeutsame größere Firma aus dem Druckerei-Bereich nicht mehr vorhanden.
Aber die umfassenden inklusiven Entwicklungsfortschritte mit ihrem jahrzehntlangen Bestand aus der Zeit um 1900 haben trotz dieser positiven Beispiele ihre Wirkung verloren. Wohl hat sich gegenwärtig der allgemeine Wohlstand einschließlich des Lebensstandards gehoben, doch die ökonomische Vielfalt und die Gestaltungsmöglichkeiten öffentlicher wie privater Akteure haben sich verringert. Es gibt zwar eine Vielzahl von Bemühungen um eine gezielte Stadtentwicklung (Blomberg 2024, S. 210), doch von den umfassenden inklusiven Entwicklungsfortschritten von damals ist Stadt und Region weit entfernt. Unter der Vorgabe der derzeit fast als naturgegeben angesehenen Steigerungsdynamik gilt außerdem, dass die Region ohne größeres Wachstum, ständige Weiterentwicklung sowie fortwährende Innovation zurückfallen wird. Denn für die Steigerungsdynamik ist Stillstand gleichbedeutend mit Rückstand. Außerdem wird es schwierig sein, bei der rückläufigen regionalen Bevölkerungsentwicklung den jetzigen Stand zu halten.
Die örtliche Entwicklung von Wittingen seit 1960/70 kann als eine Art Null-Summen-Spiel begriffen werden, d.h., was Wittingen verliert, wird zum Gewinn für andere. Die Stadt als Modernisierungsgewinner der Zeit um 1900 ist zum Modernisierungsverlierer der Zeit nach 1970 geworden. Das schließt nicht aus, dass einige Akteure Bedeutung behalten haben bzw. erweitern konnten, aber zugleich ist eine Vielzahl von Institutionen sowie Akteure in wenigen Jahrzehnten ohne Kompensation verlorengegangen. Hier hat sich eine Art steuerungslose Eigendynamik der Modernisierung entwickelt (Reckwitz/Rosa 2021, S. 134), die neben Gewinnern auch Verlierer produziert.
Dem Ort als Modernisierungsverlierer stehen die durchsetzungsstärkeren Mitspieler als Modernisierungsgewinner gegenüber. Hier sind größere Akteure im Vorteil, solange sie nicht noch stärkeren ‚Mitspielern‘ in die Hände fallen. Eine Win-Win Entwicklung mit Vorteilen für alle, oder doch wenigstens für viele, sieht anders aus. Genau das hat es aber um 1900 gegeben. Das sollte nicht zu einem verklärten Rückblick auf vergangene Zeiten führen. Bedenkenswert bleiben jedoch die Rahmenbedingungen für die damaligen Veränderungen: Die ausgebliebene Intervention der ehemaligen ‚extrativen‘ Grundherren, bzw. Rittergutsbesitzer und die erfolgreiche inklusive Kombination von partikularen Zielen mit allgemeinem Wohlstand.
Erschwert wird die Situation auch noch durch die Folgen der Gebietsreform von 1974. Hier sind sowohl mit den Samt- wie mit den Einheitsgemeinden Gebietskörperschaften mit einer Vielzahl von Gremien entstanden, in denen zukunftsfähige Beschlüsse nur erschwert zu erreichen sind. Aus der Vielzahl von Gremien ergibt sich eine Vielzahl von sehr partikularen Interessen. Für Staaten stellt Daron Acemoglu diesbezüglich fest, dass sie hinreichend zentralisiert und mächtig sein müssen und über die nötige Autorität verfügen, um inklusive Entscheidungen gegen Lobbyisten oder widerstrebende partikularistische Machteliten durchzusetzen. „Wenn der Staat nicht die geringste politische Zentralisierung schaffen kann, gleitet die Gesellschaft früher oder später […] ins Chaos ab“ (Acemoglu 2024, S. 113). Entsprechendes gilt auch für die nachgeordneten kommunalen Entscheidungsinstanzen. Fehlt die Autorität einer zentralen Regional-Instanz können die partikularen Interessen der übrigen offiziellen oder informellen Nebenakteure übermächtig werden mit fatalen Folgen für die Allgemeinheit.
Die heutigen örtlichen Institutionen und Akteure haben im Gegensatz zu den erfolgreichen regionalen Dienstleistern in Wittingen aus der Zeit um 1900 nur noch geringen Einfluss auf Entwicklungsfortschritte. Die heute zwischenzeitlich an ihrer Stelle entstandenen überregionalen staatlichen Dienstleistungen sind weniger erfreulich. Dazu einige Beispiele:
- Bei der ehemaligen Bundespost und -bahn haben sich infolge der Privatisierung bzw. der Vorbereitung zur Privatisierung die Dienstleistungen verschlechtert. Die privatisierten Postagenturen wechseln zu oft ihre Mitarbeiter, die dann neu eingearbeitet werden müssen, was keineswegs immer gelingt. Postagenturen verlagern ihren Standort offenbar aus finanziellen Gründen auch vom Zentrum an die Peripherie. Ebenso ist die flächendeckende Versorgung mit Briefkästen aufgegeben worden. Beides reduziert die Erreichbarkeit der Post-Dienstleistungen.
- Die früher sprichwörtliche Pünktlichkeit der Bahn hat sich in eine desaströse Unpünktlichkeit verändert. Für wichtige auswärtige Termine ist die die Bahn kein empfehlenswertes Transportmittel, da man nie sicher sein kann, wann oder ob man überhaupt am gewünschten Ort ankommt.
- Die Straßen-Verkehrsinfrastruktur ist einschließlich vieler Brücken marode.
- Der wegen unsicherer ökologischer wie geopolitischer Entwicklungen nötige Ersatz zentraler fossiler Energieversorger durch eine dezentrale Energieversorgung durch nachwachsende Rohstoffe etc. leidet unter Planungsunsicherheit, da sich die staatlichen Vorgaben immer wieder verändern bzw. Veränderungen ins Gespräch gebracht werden. So wird etwa der erneute Einstieg in die Atomenergie vorgeschlagen, obwohl die absolut notwendige Entsorgung der verbrauchten Atom-Brennstäbe ungeregelt ist. Dabei ist überhaupt fraglich, ob der schon vorhandene Atommüll sicher entsorgt werden kann. Der Wiedereinstieg in die Atomenergie beinhaltet daher ein unkalkulierbares Risiko für die Bevölkerung.
- Die Elektromobilität wird zugunsten der Verlängerung der Nutzungszeit der Verbrenner-Fahrzeuge verzögert bzw. in ihrer Entwicklung behindert. Hier wird notwendige Innovation verhindert zugunsten veralteter Technik.
Auch in anderen elementaren Bereichen sind Defizite zu beobachten:
- im Bildungsbereich, wo die Leistungen in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen auf das niedrigste Niveau seit Beginn der PISA-Erhebungen im Jahr 2000 sanken. Sie liegen jetzt nur noch knapp über dem PISA-Durchschnitt (destatis.de).
- in der Gesundheitsfürsorge, bei den Krankenhäusern, bei den Kosten für die Krankenversicherung durch das Ausbleiben notwendiger Veränderungen
- bei der sozialen Gerechtigkeit mit den wachsenden Unterschieden zwischen Geringverdienern und Überreichen
- bei der Steuergerechtigkeit mit der Unterbesteuerung der großen und der Überbesteuerung der mittleren und kleinen Vermögen (Linartas 2025).
Diese defizitären Situationen sind sehr wohl bekannt, aber Privilegien und Sonderrechten werden aufrechterhalten, Veränderungen unterbleiben bzw. werden durch die Einflussnahme von Lobbyisten verzögert oder unterbunden. Notwendigen konsistente Entwicklungslinien werden durch Sonder- und Ausnahmeregelungen ausgebremst. Das lässt auch eine Führungsschwäche des zuständigen politischen Leitungspersonals erkennen sowie den Beginn einer Destabilisierung staatlicher Verhältnisse. Das sind natürlich ‘Klagen auf hohem Niveau‘. Sie sind aber in der Summe mit erheblichem Verdruss, Beschwernis und Unsicherheit im eng getakteten Alltag besonders der erwerbstätigen Bevölkerung (Stand 5/2026) verbunden. Verbucht werden sie als Missachtung von berechtigten Bürgeranliegen. Erwähnenswert bleiben ebenfalls die Steuerverschwendungen bei der PKW-Maut (2019), die zu Schadensersatzzahlungen von 243 Mill € führte, und bei den milliardenschweren Fehlkäufen bei der Beschaffung von FFP2-Schutzmasken in der Corona-Pandemie (2020).
In vergangenen Jahrhunderten versuchte eine aus der Not geborene, alternativlose regionale Bedarfsdeckungsökonomie im ‚Wittinger Ländchen‘ und in der Lüneburger Heide Land und Leute angemessen zu versorgen. Das gelang keineswegs immer. Denn ihre Ressourcen in Form von fruchtbarem Weide- und Ackerland oder landwirtschaftlich nutzbaren Wald- sowie Heideflächen waren begrenzt. Sie konnten weder erweitert noch wegen des nur begrenzt vorhandenen Düngers (Stallmist) verbessert werden. In Extremsituationen wie Naturkatastrophen, Missernten, Kriege etc. kam es daher auch zu Unterversorgung, sozialen Konflikten oder Versorgungskatastrophen mit Hungertoten.
Einerseits gibt es inzwischen über Region und Staat hinaus auf globaler Ebene Akteure mit großem Einfluss, die auch die örtliche Entwicklung beeinflussen. Akteure mit autoritärem Habitus und partikularen Interessen sind z.B. Russland, China, Nordkorea oder die USA mit dem hierfür charakteristischen Spruch: „make america great again“ setzen auf Deregulierung etc. und sehen sich in einem fiktiven, bzw. selbst herbeigeführten Überlebenskampf, den sie mit allen Mittel der realen Gewalt, mit extremen partikularen Interessen sowie mit Willkür/Korruption führen, um so die eingebildeten oder selbst geschaffenen Gefahren abzuwehren. Was zur Folge hat, dass die wirtschaftliche Situation immer unübersichtlicher geworden ist. Durch die von ihnen geförderte Deregulierung stellt sich außerdem ein immer größeres gesellschaftliches Ungleichgewicht von Überreichtum z.B. in Form von Tech-Milliardären und Verarmung durch Entstehen eines Prekariats ein. Es destabilisiert bzw. zerstört in großem Ausmaß den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Andererseits gibt es Akteure mit einem Habitus, der sich am Allgemeinwohl orientiert und weitgehend auf Gewalt verzichtet sowie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fördert. Diese Akteure wissen sich aus Einsicht in die gegenwärtig vorhandenen Notwendigkeiten, dem Umweltschutz und der Klimaneutralität, verbunden. Sie setzen auf eine bedarfsregulierende, regelbasierte ökonomisch-soziale Gesellschaft, die auf Ausgleich bedacht ist und Ressourcen schont, um die Überlebensmöglichkeiten von Pflanzen, Tieren und Menschen zu erhalten. Gelingen könnte die Reparatur der Verlusterfahrungen durch eine Marktwirtschaft mit sozialen Kriterien, die imstande sind Eigeninteresse und Gemeinwohlorientierung auszubalancieren.
Gesellschaftlich-soziale Orientierung und die Region
Eine heutige Gesellschaft könnte über eine am Allgemeinwohl orientierte Verteilung Ressourcen sinnvoll nutzen. Die den Bedarf nur unzulänglich deckenden Gesellschaften vergangener Jahrhunderte konnten das nicht. Daraus ergaben sich akute Notlagen Heutige inklusive Gesellschaften können das vermeiden. Zu diesen Maßnahmen könnte auch eine neue Bewertung/Aufwertung der Region gehören, die die Bürger in notwendige Veränderungen einbezieht. Ziel wäre es, die kleineren Akteure wieder handlungs- und leistungsfähiger zu machen. Das Hauptziel einer solchen Strategie wäre, wenigstens in wichtigen Teilbereichen wie Bau- und Finanzangelegenheiten, die Dezentralisierung übergeordneter Kompetenzen und ihre Delegation an regionale Einheiten. Das kann aber auch ‚neoliberal‘ als Schwächung des Staates verstanden werden (Biebricher 2021, S. 98ff.). Gemeint ist hier ist aber die Stärkung der Region bei Leistungsfähigkeit übergeordneter Akteure. Wobei das ‚Wittinger Ländchen‘ in der Vergangenheit seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt hat. Außerdem gilt: „In lokalisierten Wirtschaften erhöht sich die Chance, dass wir der Umwelt weniger schaden, weil dann die Schäden nicht mehr einfach aus den Augen und aus dem Sinn kommen.“ (Sayer 2017, S. 378) Wo globalisierte Groß-Akteure offensichtlich versagen, weil sie notwendige Veränderungen nicht realisieren und/oder weiter auf schadensverursachende Übergröße setzen, sollte die seit ca. 1960/1970 entstandene Steigerungsmegalomanie, d.h. je größer die Institution desto besser ist sie, durch staatliches Recht beendet oder eingeschränkt werden. Das würde auch demokratische (inklusive) Entwicklungsprozesse stärken.
Dafür ist ein Bewusstseinswandel nötig, der die gemeinwohlorientierten Handlungsoptionen im regionalen Zusammenhang stärkt. Meine fünf Bände (der sechste Band ist in Arbeit) zur ‚Wittinger Stadtgeschichte‘ wollen dazu mit historischen Beispielen auch im Zeitalter der Steigerungsdynamik, Deregulierung sowie Globalisierung auf die Bedeutung der Region hinweisen, indem sie am Beispiel des ‚Wittinger Ländchens‘ aufmerksam machen auf:
- Geschichtsereignisse und ihre Bewältigung durch bürgerschaftlichen Zusammenhalt: „Wittinger Stadtgeschichte im Überblick. Von Kriegen, Katastrophen und mutigen Bürgern“, erschienen 2014
- regionale Besonderheiten der städtischen Bau- und Architekturgeschichte: „400 Jahre Wittinger Bau- und Architekturgeschichte“ mit besonderer Berücksichtigung der städtischen Bautätigkeit um 1900, erschienen 2020 in 2. Auflage
- autoritäre Abwege sowie deren katastrophale Folgen: „Wittingen 1933-1945. Kriegsvorbereitungen, Krieg und Kriegsende in der Region“, erschienen 2018
- sozio-ökonomisch-politische regionale Entwicklungslinien im 18. und 19. Jahrhundert, speziell der Zeit um 1900: „Das Wittinger Ländchen“, erschienen 2025 in 2. Auflage
- die Schätze sakraler Kunst von der Gotik bis zu Gegenwart in den Kirchen der erweiterten Region, mit besonderer Berücksichtigung der Darstellungen der spätgotischen Retabel mit ihren friedvollen, gottbestimmten Gegenwelten (Johannes 16,33) zur den oft unmittelbar erlebbaren Gewaltexzessen der Alltagswelt, wie z.B. im Martyrium oder in Kriegen: „Kunst und Kirchen I im Wittinger Ländchen und in der Altmark um Diesdorf“, erschienen 2025
Zusammenfassung
Der Text beschreibt die Veränderung einer Stadt vom Modernisierungsgewinner (um 1900) zum Modernisierungsverlierer (ab 1970). Die Veröffentlichungen des Verfassers beleuchten die historischen Aspekte dieses Prozesses.
Résumé
Le texte décrit la transformation d’une ville qui est passée du statut de „gagnante de la modernisation“ (vers 1900) à celuci de „perdante de la modernisation“ (à partir de 1970). Les publications de l’auteur mettent en lumière les aspects historiques de ce processus.
Summary
The text describes the transformation of a city that has evolved from being a „winner of modernisation“ (around 1900) to a „loser of modernisation“ (from 1970 onwards). The author’s publications shed light on the historical aspects of this process.
Resumen
El texto describe la transformación de una ciudad que pasó de ser una „ganadora de a modernización (hacia 1900) a una „perdedora de la modernización (a partir de la 1970). Las publicaciones del autor analizan los aspectos históricos de este proceso.
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Acemoglu, Daron und James A. Robinson: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. Fischer Frankfurt/Main 2024, 9. Auflage
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Biebricher, Thomas: Die politische Theorie des Neoliberalismus. Suhrkamp Berlin 2021, 3. Auflage
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Largo, Remo H.: Das passende Leben Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können. Fischer Frankfurt/Main, 2. Auflage 2019
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Linartas, Martyna: Unverdiente Ungleichheit. Rowohlt Verlag Hamburg 2025, 3. Auflage
18
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Mühlhoff, Rainer: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Philipp Reclam jun. Verlag Ditzingen 2025, 7. Auflage
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Reckwitz, Andreas: Verlust. Ein Grundproblem der Moderne, Suhrkamp 2024, 4. Auflage
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Reckwitz, Andreas und Hartmut Rosa: Spätmoderne in der Krise. Was leistet die Gesellschaftstheorie. Suhrkamp Verlag Berlin 2021
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Rosa, Hartmut: Resonanz Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin 2023, 7. Auflage
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Sayer, Andrew: Warum wir uns die Reichen nicht leisten können. C.H. Beck München 2017, S. 310ff.
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https://www.destatis.de/DE/Themen/Laender-Regionen/Internationales/Thema/bevc, Aufruf 16.4.2026, 14.20 Uhr
https://de.wikipedia.org/wiki/Deregulierung, Aufruf 1.6.2026, 12.30 Uhr
14.7.2026/Blomberg



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